Ein Fest für die Sinne: das Dallmayr Delikatessenhaus in München | © Dallmayr
Dallmayr Delikatessenhaus um 1912 | © Dallmayr
Tradition seit über 180 Jahren: Die Firma Radspieler | © F. Radspieler GmbH & Co. KG
Die Schuh-Manufaktur Ed.Meier in der Brienner Straße | © Jan Hemmerich
Die Lederhandschuh-Manufaktur Roeckl in der Theatinerstraße | © Petra Stadler
Münchens Königlich Bayerische Hoflieferanten
Wo der König Kunde war...
...und der Kunde heute noch König ist!
Bedauerlicherweise sehen viele Fußgängerzonen der Welt nahezu gleich aus: überall dieselben großen Ketten und Marken und ein Warenangebot, das sich nur noch minimal unterscheidet. Der vielgerühmte Pariser Chic kann heute auch vom Berliner Ku’damm oder der Londoner Oxford Street stammen. Denn die Globalisierung und der weltweite Zugriff auf eine Handvoll digitaler Plattformen haben die Konsumwelt zunehmend uniformiert und schrumpfen lassen: Alle schöpfen aus denselben Quellen, hören auf dieselben Influencer und haben die gleichen medialen Vorbilder. Das Internet ersetzt heute sogar den Schaufensterbummel.
Doch in München gibt es sie noch, diese seltenen Geschäfte und Läden, in die man persönlich gehen muss, um sich von der Auslage ansprechen und vom kundigen Personal beraten und überraschen zu lassen. Oft sind es ehrwürdige Traditionshäuser, die eines gemeinsam haben: Sie waren früher Königlich Bayerischer Hoflieferant. Das heißt, zwischen 1806 und 1918 erhielten sie vom König bzw. dem Prinzregenten diese Auszeichnung und durften fortan damit werben – und tun es noch! Manche zeigen ihren Stolz über dieses frühe „Qualitätssiegel“, indem ihr Ladenlokal mal dezent, mal auffälliger mit dem bayerischen Wappen oder Ausschnitten davon geschmückt ist.
Die begehrte Auszeichnung erhielten nur Betriebe, deren Produkte auch für das Königshaus gut genug waren. Eine Ehre! Und ein Qualitätsversprechen, das bis heute gilt. Wahrscheinlich hat das besondere Know-how dieser Betriebe, ihr jeweils unverwechselbarer Stil, ihr handwerkliches und wirtschaftliches Geschick diese oftmals familiengeführten Firmen auch durch politisch oder wirtschaftlich raue Zeiten gebracht.
Zugegeben, längst haben viele der ehemaligen Münchner Hoflieferanten Online-Shops und bedienen damit routiniert die weltweite Nachfrage, aber jeder, der bspw. schon einmal durch das Feinkostgeschäft Dallmayr gelaufen ist, kennt diesen ganz besonderen Zauber: Mal ziehen feine Kaffeenoten vorbei, dann dezente Schoko-Töne. Oder frische Früchte und verlockende, appetitlich angerichtete Kanapees lassen das Wasser im Mund zusammenlaufen: Auge, Nase und Gaumen werden gleichermaßen angesprochen! Das Online-Geschäft ist da eher ein profanes Zugeständnis an den Zeitgeist, damit die Rest-Welt außerhalb von München zumindest theoretisch Zugang zu diesen Köstlichkeiten haben kann. Das Einkaufserlebnis kann dann aber auf alle Fälle nur ein anderes sein.
Ein weiteres Beispiel ist die Traditionsfirma Radspieler: Seit über 180 Jahren arbeitet Radspieler für die immer schon anspruchsvolle Münchner Klientel. Radspieler fing als Vergolder an, wurde Hoflieferant und ist heute ein geschmacksicherer Einzelhandel für Inneneinrichtung und Textiles aus aller Welt. Das Besondere: Radspieler kommt immer noch ohne (!) Online-Shop aus – Stoffe können nur vor Ort angefasst und ans Licht gehalten werden, Teppiche lassen sich in der passenden Größe bestellen und auch die ausgestellten Möbel werden individuell gefertigt. Ein Besuch lohnt sich immer, denn die erlesene Vorauswahl an Deko-Objekten, Kleinkram, Geschirr und geschmackvollem Nippes sucht ihresgleichen. Dabei werden durchaus auch modische Einflüsse berücksichtigt – niemals aber Plunder aus gesichtsloser Massenproduktion! Viele der Produkte haben das Zeug zum künftigen Klassiker. Die Radspieler-Schaufenster funktionieren ähnlich wie ein analoges Pinterest-Board und ein Bummel durch das Ladenlokal garantiert Inspiration für die eigenen vier Wände (wertige Kleidung gibt’s obendrein!).
Lederhandschuh-Manufaktur Roeckl, das Kaufhaus Ludwig Beck, Café Erbshäuser, Schuh-Manufaktur Ed.Meier, Confiserie Eilles oder die altehrwürdige Parfümerie Brückner-Bublitz am Marienplatz sind weitere Beispiele der etablierten Münchner Betriebe, die früher zu den Hoflieferanten gehörten und heute eigentlich längst nichts mehr beweisen müssen: Jeder dieser Namen steht für Klasse. Vielmehr gehören sie alle mittlerweile zum festen Inventar der Münchner Innenstadt und bereichern diese durch ihre Expertise und ihr unaufgeregtes, bleibendes Qualitätsbewusstsein. Ehemals königliche Qualität ist nämlich auch nach mehr als 100 Jahren eine nicht verhandelbare Größe!
Auch für Münchner Firmen, die heute kein Ladengeschäft mehr in der Innenstadt unterhalten, war der Titel „Königlicher Hoflieferant“ ein Sprungbrett für neue Märkte: Develey-Senf wird heute weltweit in 65 Länder exportiert – der Gusto des Königs hat sich also auch beim vermeintlich kleinen Klecks Senf zum Würstchen durchgesetzt. Grob verallgemeinernd könnte man sagen: Was der feinabgestimmte Develey-Senf für die Wurst ist, sind die Hoflieferanten für Münchens Shopping-Szene.
Text: Christina Hitzfeld