Rudi Cerne im Studio von Aktenzeichen XY... ungelöst | © ZDF/Nadine Rupp

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Rudi Cerne: 24 Jahre Aktenzeichen XY... ungelöst

Sein „zweites Leben“ ist noch erfolgreicher...

Diese Medien-Meldung kam am 22. Januar nach der Sendung am Abend zuvor: „Aktenzeichen XY... ungelöst“ machte die TV-Konkurrenz platt! Mit 5,2 Millionen Zuschauern, darunter fast eine Million 14- bis 49-Jährige, schaffte das ZDF-Magazin als Nr. 1 des linearen Fernsehens Top-Marktanteile von 23 Prozent. Ein Grund für diese starken Quoten war und ist immer wieder – aber auf Grund der Verbrechen leider – die Aktualität. Im Februar „schaffte“ das ZDF sogar die 100. Sendung seiner Serie. Chapeau! TOP Magazin sprach mit Moderator und Ex-Eiskunstläufer Rudi Cerne: 

 

Gratulation! Dürfen wir diesen Erfolg deiner Sendung im heiß umkämpften deutschen Fernsehmarkt noch höher einschätzen als deine sportlichen Triumphe in den 80er Jahren auf dem Eis, auf dem du ja sogar Europameisterschafts-Zweiter wurdest? 

Gerne. Wir im großen Sendeteam sind auch sehr happy über den Erfolg unserer Sendereihe. In dieser angesprochenen Sendung am 21. Januar gab es nicht weniger als 200 mögliche Hinweise auf die Täter. Das war außergewöhnlich hoch! Und zwar kamen die Hinweise nicht nur auf die relativ aktuelle Tat mit dem Gelsenkirchener Sparkassenraub. Auch mich persönlich hat der Mord an der damals 13-jährigen Sonja noch mehr berührt, weil er ja über 45 Jahre her war. Da gab es noch während unserer Live-Sendung unzählige Anrufe, die nicht weniger als fünf Polizeibeamte entgegennahmen. Für diesen Fall bat uns die Polizei um Hilfe, weil sie nach über vier Jahrzehnten plötzlich noch eine Übereinstimmung einer DNA-Spur erhielt. Es gibt immer mehr Altfälle – wir nennen sie Cold Cases –, die nach sehr langer Zeit doch noch gelöst werden. Das verblüfft mich selbst auch immer wieder... 

 

DNA ist also wie ein Zauberbegriff in der Kriminalität… 

…in der Tat. In dem Fall Sonja konnte die Polizei zwei DNA-Spuren aus dem Jahr 1973 extrahieren und zusammenführen. Da stimmten zwei Spuren aus über 70 km entfernten Taten überein, also musste es der gleiche Mörder sein. Das war für uns alle das Erstaunliche: Die fünf Kolleginnen und Kollegen der Kemptener Polizei am Telefon waren schon rundum beschäftigt, gleich nachdem wir den Film über die Tat gestartet hatten. Da wurden von Zuschauern aufgrund der gesendeten Sprachnachrichten sogar Namen genannt. Es gab aber sogar schon Fälle, in denen Zuschauerhinweise eine Tat vereitelt haben. Andererseits verblüfft es mich immer wieder, dass – wie in dem Fall Sonja – damals 15 Personen Hilfeschreie gehört hatten, aber nichts unternahmen. Das erschüttert mich immer wieder… Wenn nur eine der Personen aus dem Fenster etwas geschrien hätte, wäre diese grausame Tat vielleicht verhindert worden. 

 

Wie schätzt man die Wichtigkeit von Aktenzeichen XY ein? 

Die Sendung ist ein Phänomen! Und Quoten von 23 Prozent oder 5,2 Millionen Zuschauern bedeuten, dass an unseren Sendeabenden mehr als jeder Fünfte zuschaut. Das ist weit über dem Schnitt! Vor allen Dingen auch in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, da hatten wir eine knappe Million. Unsere Sendung kommt also nicht nur bei Senioren an... Wir sind eine der jüngsten Sendungen beim ZDF. Das macht noch mehr Mut, so weiterzumachen! 

 

Und wie hoch ist die Aufklärungsquote dank deiner Sendung? 

Die lag sogar schon bei über 40 Prozent, was ebenso enorm ist. Natürlich wird nicht jeder Fall durch einen Zuschauerhinweis gelöst. Manchmal ruht ein Fall auch noch nach unserer Sendung ein paar Jahre – und dann kommt es plötzlich doch noch einmal zum Zugriff beziehungsweise zu einer Lösung. Die Kooperation mit der Polizei ist selbstverständlich, aber auch mit den Bürgern, die müssen ja reagieren. Es wird ja gesendet, um Hinweise von Bürgern zu erhalten, von aufmerksamen Menschen, die vielleicht etwas gesehen haben und sich jetzt durch die Sendung ein Herz fassen und sich melden. Beispielsweise der Fall von Petra Nohl, der Kölner Karnevalsmord: Nach 36 Jahren hat sich doch noch ein Mitwisser bzw. Zeuge gemeldet. Er war damals während des Karnevals mit seinem damaligen Freund um die Häuser gezogen – und hat jetzt gesagt, er sei nach Hause gegangen und sein Freund der Frau noch hinterher. Erst als die Sendung ausgestrahlt wurde, kam das wieder bei ihm hoch und er rief noch während der Sendung an. 

 

Wie viele Kollegen arbeiten denn für deine Sendung? Der Abspann ist ja immer enorm lang. 

Ja, seitdem wir auf 90 Minuten Sendezeit umgestiegen sind und über die einzelnen Fälle längere Filme zeigen, die natürlich auch einen Unterhaltungswert haben, kamen viele Statisten, Assistenten und Komparsen hinzu. Deshalb ist unser Abspann so lang wie bei US-Filmen... 

 

Rudi, welche Erkenntnis aus dem Sport konntest du am meisten im normalen Leben verwenden? 

Die Kondition und das Durchhaltevermögen – und die Tatsache, sich durch Rückschläge beziehungsweise Enttäuschungen nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Man kann hinfallen, das tut weh – auf dem Eis sogar noch etwas mehr –, doch dafür gibt es keine Hinweise oder Rezepte. Als amtierender deutscher Meister hatte ich mir mal den Arm ausgekugelt, die Saison war vorbei, und Norbert Schramm, der jünger als ich, aber ein echter Trendsetter war, zog an mir mit fliegenden Fahnen vorbei... Das war für mich ein Niederschlag. Aber ich bin immer wieder aufgestanden. Und auch beim Fernsehen hatte ich schon Rückschläge erlitten, als ich z.B. 1994 kurz davor war, in die Samstags- und Sonntags-Sportschau reinzukommen, als man mich quasi links liegen gelassen hatte... das war für mich auch wie eine sportliche Niederlage. Aber dann kam das ARD-Morgenmagazin... bis mich der damalige Sportchef Wolf-Dieter Poschmann noch während der Leichtathletik-WM zum ZDF holte. 

 

Zurück zu Aktenzeichen XY: Erst im letzten Jahr befand sich ein Mörder im Studio – wie lief das ab? 

Das war eine Vermisstensendung, und wie sich hinterher herausstellte, saß der Freund der Vermissten im Studio. Der hatte sie vorher getötet, wurde aber damals noch nicht verdächtigt. Er hatte sich herausgetarnt und vorgegeben, in großer Sorge zu sein. Es sind sogar noch Bilder gezeigt worden, wie er in der Kirche sitzt und betet. In Wirklichkeit hatte er seine Freundin schon längst getötet, sich bei weiteren Befragungen aber verstrickt. Unglaublich. 

 

Welches war der spektakulärste Erfolg deiner Sendung? 

Der Fall von Lolita Brieger 1981. Die war damals von ihrem Freund getötet und auf einer Müllhalde entsorgt worden. Die Leiche war nie gefunden worden. Es war zunächst ein Vermisstenfall. 29 Jahre nach der Tat hat die Polizei diesen Cold Case noch einmal aufgenommen, ist zu uns ins Studio gekommen, mit dem ermittelnden Kommissar und dem Staatsanwalt. Der Kommissar hat sich direkt an die Zuschauer gewandt und mit eindringlichen Sätzen in die Kamera gesprochen – daraufhin hat sich eine Person mit dem entscheidenden Hinweis gemeldet. Dann wurde ein Mitwisser noch einmal vernommen, ist in der Vernehmung eingeknickt und hat ausgesagt, dass die Leiche auf der Müllhalde liegen muss, die dann tagelang durchkämmt wurde – bis sie gefunden wurde. 

 

Dieser Fall hat mich deshalb so beeindruckt, weil zunächst alles so lange her war und sich doch kaum jemand daran erinnert, was er vor 20 oder mehr Jahren gesehen oder gehört hat. Aber wenn du ein Mitwisser bist und dein Kumpel hat zu dir etwas gesagt, dann verfolgt dich das. Du kannst ja deinen Kopf nicht neu formatieren wie eine Festplatte, sondern es muss nur der entscheidende Trigger kommen – oder der entscheidende Auslöser – und dann sagst du: Verdammt, ich halte das nicht mehr aus. Wenn die Tür zuschlägt, gucke ich raus, ob das nicht etwa Kriminalbeamte sind, die jetzt zu mir kommen. Und diese Menschen denken dann weiter, dass sie sich dieser Last nicht mehr ausgesetzt sehen möchten. Solche Hintergründe sind ein Teil unseres Erfolges mit Aktenzeichen XY. 

 

Welche anderen TV-Formate interessieren dich? Unlängst wurde ein „Wetten, dass …?“-Nachfolger gesucht. 

Der Anruf von Aktenzeichen XY war bisher für mich der absolute Kontrapunkt zu allem, was ich vorher getan habe. Und Shows wie „Wetten, dass …?“ oder Fernsehgarten? Nein, nein... Alle Anfragen zur Moderation einer anderen Sendung haben sich schnell erledigt. Mit Aktenzeichen XY habe ich einen Volltreffer gelandet! 

 

Stimmt eigentlich die These noch, dass Eiskunstlauf nach Stabhochsprung und vor Golf die schwierigste Sportart ist? 

In Bezug auf die Komplexität der Bewegung: ja! Das ist sogar an einer Uni mal berechnet worden. Die Untersuchungen haben ergeben, dass Eiskunstlaufen vom Bewegungsablauf her eine der komplexesten Sportarten ist. Es geht ja wie beim Stabhochsprung oder beim Golfen auch um Millimeter, wie die Kufen auf dem Eis aufkommen. 

 

Wie hälst du dich eigentlich so schlank? 

Ich esse diszipliniert und spiele etwas Golf. 

 

Würdest du Kindern heute noch zum Eiskunstlauf raten? 

Ich würde niemandem von irgendetwas abraten. Man muss sich nur im Klaren darüber sein: Es gibt in keinem Leistungssport Garantiekarten, aber eine Fülle von gescheiterten Talenten. In jedem Sport, im Eiskunstlaufen vielleicht ganz besonders. Tatsache ist, dass man in relativ jungen Jahren, mit Anfang 20 spätestens, auf dem Zenit ist. Bei Tennisspielern wie damals Stan Smith, den ich noch bei einem Seniorenturnier bei den French Open in Paris gesehen habe, ist es einfach faszinierend, wie die sich mit einer Eleganz wie Schauspieler bewegen. Bei Eiskunstläufern um die 40 sieht das nicht mehr so elegant und geschmeidig aus... 

 

Zurück zur Kriminalität: Wie sollten sich vor allem Ältere am sinnvollsten schützen? 

Älteren Menschen würde ich immer raten, sich ein Stück Papier oder einen Block neben das Telefon parat zu legen – mit den wichtigsten Nummern der Kinder und Enkel. Groß vorne hinschreiben, wer das ist. Man kann sich auch im Vorfeld schon mal Nummern einer Polizeidienststelle notieren oder eines Schlüsseldienstes, wenn man den mal braucht. Ältere Menschen müssen immer genau wissen, wen und wie sie anrufen können. Und grundsätzlich sollte man, ob Jung oder Alt, niemand Fremdem die Tür aufmachen!

Rudi Cerne...


...ist Jahrgang 58 und Sternzeichen Waage, stammt aus Wanne-Eickel und wohnt mit Ehefrau Christina, die er 1987 in Las Vegas heiratete, in der Nähe von Hanau. Tochter Elisabeth, 36, arbeitet in einer Event-Agentur. Cerne wurde im Eiskunstlauf 1984 EM-Zweiter und WM-Fünfter und startete nach dem Karriereende 1984 noch vier Jahre bei Holiday on Ice. 1987 absolvierte er eine Hospitanz beim ZDF, wurde ab 1990 ARD-Livereporter für Eiskunstlauf, moderierte u.a. das Aktuelle Sportstudio und wurde 2002 von TV-Urgestein Egon Zimmermann als dessen Nachfolger für „Aktenzeichen XY“ erkoren. 2027 feiert er also mit dieser Erfolgssendung sein 25-jähriges Jubiläum! Rudi Cerne ist zudem seit 2001 Botschafter für „Aktion Mensch“.

Interview: Conny Konzack